Diese Wochen wurde überschattet von dem Amoklauf in Winnenden, so dass ich mich dazu entschlossen habe, von meinem klassischen Weekly abzuweichen und mehr auf dieses Geschehen einzugehen.
Von der Tat als solches ganz angesehen, dass ein 17jähriger Junge kaltblütig ehemalige Mitschüler, Lehrer und Passanten auf der Straße ermordet, zeigt die Aufarbeitung der Geschehnisse – mal wieder – ein mediales und politisches Desaster, das geprägt ist von Unverständnis, Unwissen und Halbwahrheiten.
Der Mittwoch hatte nicht nur einen Amoklauf zu berichten. Einmal der Amoklauf in Alabama, USA, der zweite in Winnenden.
Am Morgen hat Spiegel Online noch über einen Amoklauf in Alabama, USA berichtet:
In den USA kommt es immer wieder zu Amokläufen.
[...]
Experten bekräftigen immer wieder, eine der Ursachen seien die Waffengesetze in den USA, die in den meisten Bundesstaaten das Waffentragen erlauben.
Liest sich für mich so, als wären Amokläufe ein USA-Problem. Stunden später wurde wohl SPON selbst eines besseren belehrt, ich frage mich ob man das heute immer noch so formulieren würde…
Der Mittwoch als solcher. Chaos in den Medien. Alle wollten etwas berichten – keiner wusste etwas. Und wie man schon in der Vergangenheit beobachten konnte – durch Dienste wie Twitter wurden die Menschen im Web genauso gut oder schlecht informiert, wie auf den großen und kleineren Newsportalen.
Was, wie soll man es anders erwarten, bei manch einem Vertreter des journalistischen Gewerbes, Reaktionen Zwischen Neid, Wut und Verzweiflung (über die eigene Unfähigkeit und Unbedeutenheit, vermutlich) auslöste – worauf ich in einem separaten Artikel eingegangen bin.
Natürlich ist es richtig, dass man Twitter nicht als die ultimative Nachrichtenquelle ansehen kann, das Hirn muss man auch beim lesen dieser kurzen Infos zum denken benutzen. Aber wer Meldungen der etablierten Presse-Websites als feststehenden Fakten hin nimmt, ist genauso arm dran.
Dies merkte man auch schnell, als es einen Tag später an die Ursachenforschung ging. Prinzipiell liegen die Gründe ja sowieso direkt auf der Hand, bei jedem Amoklauf eines jungen Menschen. Stellvertretend hier ein Artikel des Focus, der über die ganz klaren Gründe berichtet:
„Das Motiv hängt mit dem Internet zusammen“, sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer am Donnerstag in Waiblingen. Auf den Computern des 17-jährigen Exschülers der Realschule wurde nach seinen Angaben ein Killerspiel, eine Variante der „Counterstrike”-Spiele, gefunden. Darin sei ein Teil des Motivs für den Amoklauf zu sehen.
Man sieht, mit uns ist alles in bester Ordnung. Kein Grund über unser Leben weiter nachzudenken, über unseren Umgang mit unseren Kindern, über ihre Perspektiven, ihre Sorgen – unsere Welt, unsere Gesellschaft. Wir schaffen Computer ab – und schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Ego Shooter sind fort, das Internet ist fort. Das Leben ist schön.
Apropos Internet. Jeder Amokläufer muss doch seine Tat in diesem komischen Internet ankündigen. Und ich bin sicher, viele Leute waren äußerst befriedigt, als eine solche Ankündigung auch sofort gefunden wurde und stumpf, ohne Nachzudenken oder Hinterfragen, verbreitet wurde.
Ups! Das war gar nicht echt?
Wie wäre es denn, wenn wir ein paar Minuten mal wirklich nachdenken über die Gründe, warum ein Jugendlicher Amok läuft. Mitten unter uns. Ja, uns. Es ist sowas von egal, ob der Papa nun Porsche fährt…
Vielmehr müssen wir endlich den Kopf aus den Sand nehmen – und diesen Jungen als unseren Spiegel akzeptieren. Er ist einer von uns. Wir haben ihn zudem gemacht, der er geworden ist – ein Massenmörder.
Er ist in unserer Welt zum Mörder geworden – das sollte man sich ruhig einmal durchlesen.
Ich habe vor kurzem auf noch viele Leute erschossen – genau wie der Amokläufer, in Far Cry 2. Raste ich jetzt auch aus? Nein, ganz sicher nicht. Wieso? Was ist anders bei den unzähligen Leute, die auf ihrem Rechner ein Killerspiel haben?
Alper geht auf diese Frage weiter ein…
Und dennoch sind aus meinem Bruder und mir nicht fleischfressende Killer geworden. Warum eigentlich nicht? Weil wir gut erzogen wurden. Unsere Eltern haben sich wahnsinnig um uns bemüht, uns Werte fürs Leben vermittelt und uns zu gut erzogenen Mitgliedern unserer Gesellschaft gemacht.
Ein Auszug aus Verbot von Killerspielen – Alle Jahre wieder
Nein. Ein Verbot von Ego Shootern & Co ist so witzlos wie sinnlos. Abgesehen davon, dass Jugendliche die meisten dieser Spiele auch schon heute nicht kaufen dürfen.
In jungen Jahren sind die Eltern hauptsächlich gefragt… und später alle anderen, wir alle. Um dafür zu sorgen, dass unsere Kinder sich nicht einschließen… nicht stundenlang vor dem Fernseher hängen, weil Mama und Papa ausgerechnet jetzt keine Zeit habe.
Heute heisst es Gameboy, Playstation oder PS3 zocken. Am Besten alleine im stillen Kämmerlein und ohne jeglichen sozialen Kontakt… schreibt Andreas dazu.
Es ist schon lange überfällig aufzuwachen… zu handeln. Aber ganz sicher nicht mit Verboten.
Noch ein abschließender Blick ins Netz hinein…
seid ihr alle da draußen so friedliche menschen? hattet ihr in eurer jugend nie identitätskrisen und das diffuse gefühl, ihr steht irgendwie gegen die eltern, lehrer, masse, gesellschaft, welt?
…fragt unfassbar?
Und da wir ja auch bei den Medien waren…
…sähe ich überhaupt keine Perspektive, dann wäre das aktuelle Titelbild des Spiegel für mich eine Aufforderung, wenigstens noch unsterblich zu werden.
Soviel zum Thema: Verantwortung der Presse
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Sandra Burkhardt
sagte am 15. März 2009, 20:58 UhrDa bin ich ganz deiner Meinung. Ich denke heute est es jedem klar, dass diese Killerspiele einfach nur ein Vorschiebegrund ist, um sein eigenes Bedürfnis nach einem Motiv zu stillen.
Dass diese Spiele allerdings nicht ganz ohne Spuren an einigen Spielen vorbeigehen, sollte auch nicht geleugnet werden. Schließlich werden bei einem Großteil der Amokläufer solche Spiele gefunden. Dass der Einfluss, den die Spiele auf die Spieler haben, natürlich sehr individuell ist, ist natürlich auch klar. Meiner Meinung geht da eine ungesunde Persönlichkeit/ Erziehung vorraus.
Marc
sagte am 16. März 2009, 10:54 UhrHallo Sandra :-)
Bei einem Großteil der Amokläufer werden die Spiele gefunden, weil (fast) jeder Jugendliche sie halt hat auf dem PC. Diese gehören irgendwie dazu, wie das Handy, sobald man den Kindergarten verlassen hat… Zum Glück geht es noch gut, bei 99,9%…
Ich schließe mich dir voll an… gesunde Entwicklung, Erziehung, Persönlichkeitsförderung. Es ist ja ach sooo bequem, wenn das Kind sich auf einmal ganz alleine beschäftigen kann – stundenlang vor dem PC, Fernseher oder der Konsole.
Das klitzekleine Problem… Erziehung, Liebe, Geborgenheit, Vertrauen… all das vermittelt immer noch der Mensch.