Das geschätzte Bundeskabinett hat gestern die Eckpunkte für ein Gesetz zur Sperrung kinderpornographischer Webseiten beschlossen. Gemeinhin also eine Zensur des Internets – das darf man natürlich nicht so sagen.
Frau Ministerin von der Leyen meinte dazu sinngemäß (oder wörtlich?):
Man muss sich das in etwa so vorstellen, als wenn man ein Telefon hat, dessen Stecker aus der Wand gezogen ist.
Einen etwas passenderen Vergleich habe ich heute via Netzpolitik gelesen:
Es ist ja eher so, dass man Namen aus einem Telefonbuch streicht und glaubt, das Telefon würde nicht mehr funktionieren.
Darüber lohnt es sich einen Moment länger nachzudenken…
Eins vorneweg: Der Kampf gegen Kinderpornographie ist zweifelsohne einer, der mit Priorität A verfolgt werden sollte. Wenn ich lächelnd meinen Sohn im Schlaf beobachte, fällt mir nur eine vernünftige Strafe für einen Kinderschänder ein. Ok… wir behaupten, in einer zivilisierten Gesellschaft zu leben, also wünsche ich mir nur unterbewusst den sauberen Kopfschuss. Aber eine echte lebenslange Gefängnisstrafe, das darf es bei sowas dann wirklich mal sein. Und nicht dieser 15 Jahre ins Gefängnis Quatsch… und dann eine Resozialisierung wegen guter Führung und schwerer Kindheit!
Aber bleiben wir einmal bei dem Telefonbuch-Vergleich.
Was macht jeder halbwegs intelligente Mensch, der einen Eintrag nicht mehr im Telefonbuch findet – obwohl er dort auftauchen sollte? Er wechselt zu einem anderen Anbieter.
Ich nehme an, Anbieter von freien DNS-Servern, wie openDNS, werden demnächst Hochkonjunktur haben. Aber vielleicht wird es ja direkt mit unter Strafe gestellt, auf seinem PC einen anderen DNS-Server, als den des jeweiligen Providers einzugeben…
Es stellt sich für mich die Frage: Sind die Damen und Herren in der Politik so dumm – oder versuchen sie uns für dumm zu verkaufen?
Es fängt damit an, dass man permanent von der Kinderpornoindustrie redet, die Millionenbeträge umsetzt. Und zwar auf ganz normalen Websiten, wie man sie im Browser aufruft. Ich kann dies sicherlich nicht beurteilen – aber ich schliesse mich eher der Meinung von Udo Vetter an, der diesbezüglich auf Erfahrungen zurückblicken kann:
Alle, ich wiederhole, alle haben die Kinderpornos aus Tauschbörsen, Newsgroups, Chaträumen, Gratisbereichen des Usenet oder aus E-Mail-Verteilern. Manche kriegen es auf DVD, ganz normal mit der Post. Kein einziger jedoch hat seine Tauschpartner bezahlt.
Eine Aussage, die für mich absolut logisch und glaubwürdig ist.
Die Familienministerin meint jedoch…
80 Prozent der Nutzer würden “per Zufall und aus Neugier” auf kinderpornographischen Webseiten landen. Dort habe man sich bisher Filme runterladen können, “die das Zerfetzen der Kinder zeigt”. So hätte der Eindruck entstehen können, “dass das etwas sei, was viele machen”. Das habe die Hemmschwelle gesenkt. User seien “angefixt” und dann in schwerer zugänglich Foren für Pädophile gelockt worden.
Aha. Wenn ich aus Zufall auf einer solchen Website lande, beeinflusst mich das so sehr, dass ich selber entsprechende kranke Neigungen entwickle? Gewagte Theorie.
Was also soll eine Internetzensur via DNS-Umleitung bringen?
Was soll es sein, außer einer – auf gut deutsch gesagt – Verarschung der Bevölkerung?
Wenn man schon Server/Domains kennt, auf denen mit diesem Zeug gehandelt, getauscht wird – ist man denn tatsächlich so hilflos, dass man den Zugriff darauf lediglich durch eine primitive Umleitung erschweren kann? Wo stehen denn diese Server… Russland, China, Thailand? Und die dortigen Behörden schalten diese nicht ab, sofort nach Kenntnisnahme? Auch das bezweifle ich. Gerade in China haben solche Betreiber sicherlich eine extrem kurze Lebenserwartung.
Ich hoffe wirklich, dass die Politik uns einfach nur einreden will, dass Kinderschänder doof sind – und das man es nicht wirklich glaubt. Das nicht eine DNS-Zensur das einzige ist, was man im Kampf gegen Kinderpornografie aufbringen kann und wird.
Was macht man mit den Konsumenten, die kein DNS brauchen? Weil sie direkt über IP-Adressen mit den Servern reden, auf denen IRC, Newsgrops, P2P und ähnliches betrieben wird? Wieso vertritt man ernsthaft die Auffassung (nach außen), das solche Leute ihren PC nicht verstehen, keine Ahnung haben wie man einen DNS-Server ändert, über einen Proxy surft?
Wie nennt man sowas? Eine trügerische Sicherheit vermitteln.
Also wird es eine DNS-Sperrliste geben. Oh, keine Sperre natürlich. Eine Umleitung zu einem BKA-Server, in dem man fein säuberlich Logfiles schreiben und auswerten kann. Aber nach einer Liste, von der keiner sagen kann, wer dort was wirklich reinschreibt. Nur der erste Schritt ist getan, zur Schaffung einer umfassenden Zensur des Webs.
Wir erinnern uns an das Beispiel aus Australien, der dortigen Zensurliste? Dort landet auch schonmal die Website eines Zahnarztes auf der Sperrliste. Herzlichen Glückwunsch an alle, die diesen Zahnarzt online besuchen wollten.
Für mich steht fest: Mit der DNS-Sperre wird sich nichts, aber auch gar nichts ändern – im Bezug auf die Bekämpfung von Kinderpornos.
Eines wird sich aber ganz sicher ändern – für den Kampf gegen das Böse stampfen wir wieder einmal ein Stück Freiheit ein, gehen einen großen Schritt vorwärts, hin zur Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung durch den Staatsapparat.
Eine Frage bleibt somit abschließend im Raum – und hinterlässt einen faden Beigeschmack:
Wer kontrolliert die Kontrolleure?
Danke für’s lesen, bis hierhin. Wie denkst du über all das?
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hombertho
sagte am 31. März 2009, 21:17 UhrIrgendwann haben wir zustände wie in China!